Eine Geschichte

Wussten Sie eigentlich, dass Erwachsene von Kindern etwas lernen können?

Na, ja - eigentlich sollte es doch eher umgekehrt sein, und irgendwie klingt das fantastisch und nicht ganz glaubhaft.

Meist ist es ja genau anders herum. Das wissen wir alle.

Wenn wir aber ehrlich sind, werden wir zugeben müssen, schon so manches Mal von dem spontanen und großzügigen Wesen der „Kleinen Leute“  profitiert oder gelernt zu haben. 

Ähnlich vielleicht, wie in der folgenden Geschichte.

 

Der goldene Apfelbaum

Es waren einmal zwei Kinder, die spielten und rannten und tobten im Garten ihres Elternhauses, bis sie ganz erschöpft und durstig waren.

Da setzten sie sich in den Schatten des alten Apfelbaumes, um sich ein wenig auszuruhen.

Sie aßen von den saftigen Früchten und stillten so ihren Durst.

Plötzlich aber vernahmen sie eine Stimme, die aus der Krone des Baumes zu kommen schien: “Nehmt Äpfel so viele ihr wollt, sie hängen schwer an meinen Ästen und schmecken doch so gut. Aber bringt mir dafür Wasser, denn es hat lange Zeit nicht mehr geregnet. Meine Wurzeln finden nichts Nahrhaftes mehr in der Erde und ich bin sehr durstig. Wenn ich nicht bald etwas zu trinken bekomme, werde ich schwach und kann meine Früchte nicht mehr tragen.“

Als die Kinder das hörten, bekamen sie Mitleid mit dem alten Apfelbaum. 

Und weil sie sich inzwischen von ihrem wilden Spiel erholt hatten und ihr Durst gelöscht war, beschlossen sie ihm zu helfen.   

Sie machten sich sogleich auf und kletterten über den Gartenzaun. Sie wollten zur Quelle gehen, um von dort für den Baum das erfrischende Wasser zu holen.

Doch der Weg dahin war beschwerlich. Zuerst führte er durch einen finsteren Wald. 

Weil sich die Kinder vor der Dunkelheit und dem Dickicht fürchteten, nahmen sie sich bei der Hand. Sie eilten durch das Unterholz, ohne sich ein einziges Mal umzusehen oder gar stehen zu bleiben.

Danach kamen die zwei an einen hohen und steilen Berg. Da mussten sie nun hinüber. Es war ein beschwerlicher Aufstieg. Als sie endlich am Gipfel angelangt waren, taten ihre kleinen Füße weh. Die Kinder schauten sich um und es wurde ihnen ganz schwindelig. Von der Höhe aus, konnten sie von weitem, unten im Tal, die sprudelnde Quelle erkennen und so stiegen sie zu ihr hinab. Dort angelangt, zogen die Kleinen ihre Mützchen ab, füllten dieselben mit dem klaren Nass und machten sich eilends auf den Weg zurück.

Über den steilen und hohen Berg, mitten durch den Wald, und immer darauf bedacht kein Tröpfchen zu verschütten, kamen sie endlich wieder zu Hause in ihrem Garten an. 

Behutsam  gossen sie das mitgebrachte Wasser auf die trockenen Wurzeln des alten Apfelbaumes.  „Ah“, raunte es aus der Baumkrone, „das tut gut! Ich danke euch. Aber ich brauche noch mehr.“ Der Baum stöhnte und bat die Kinder noch ein zweites und ein drittes Mal zur Quelle zu gehen und zu schöpfen. Das taten sie dann auch, denn sie hatten ein gutes Herz.

Müde kamen sie nach dem letzten Wassertragen beim Apfelbaum an, begossen ihn und fielen sogleich in einen tiefen Schlaf. Während sie eine Weile so geruht hatten, war es Abend geworden. Da hörten die Kinder aus der Ferne die Stimme ihrer Mutter, die sie nach Hause rief. Sie erwachten und als sie ihre Augen aufschlugen, sahen sie, dass die Welt um sie herum verwandelt war. Die Äpfel des Baumes strahlten im reinsten Gold und tauchten alles in ihrer Nähe in ein wohliges Licht. 

Noch einmal fing der Baum zu reden an. „Ihr habt mich vor dem Verdorren gerettet. Die goldenen Äpfel sind euere Belohnung dafür.“

„Ui“, riefen die Kinder „sollen die wirklich alle uns gehören?“ „Ja, ja, ja“, klang es aus dem Wipfel. Es schien so, als würde der alte Apfelbaum mit seiner Krone beständig dazu nicken. Nun fassten sie beide Mut und pflückte zwei der goldenen Äpfel ab. Damit liefen sie ins Haus zurück und erzählten zuerst ihrer Mutter, die schon wartend in der Tür stand, die ganze Geschichte.

Als sie dann in die Stube kamen, in der ihr Vater am Tische saß, berichteten sie noch einmal alles von vorne. Das war vielleicht eine Aufregung an diesem Abend. Die Eltern freuten sich riesig über ihre fleißigen Kinder und über dieses besondere Ereignis. Alle vier aber, waren dem alten Apfelbaum sehr dankbar dafür, dass er sie mit seinen goldenen Früchten so reich beschenkt hatte.

Die ganze Familie versäumte es von jetzt an nie mehr, den Baum in ihrem Garten in trockenen Zeiten zu begießen. Und sie ernteten goldene Früchte bis ans Ende ihrer Tage.

Uns Erwachsenen kann das Tun dieser Kinder ein Beispiel für bereitwilliges Helfen sein. 

In welcher Form auch immer wir verantwortungsvoll handeln, es lohnt sich!      

Ende gut – alles gut!

 

Petra Hasengier

Juli 2011

 

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